Mit einer kleinen Gedenkstunde wurden am 4. November die beiden "Stolpersteine"
zur Erinnerung an Ella und Richard Gattel vor dem Haus Prinzenallee 58 eingeweiht


Ulrike Helwerth erinnerte an diese ehemaligen Bewohner des Hauses, die als Juden von den Nazis gedemütigt, verfolgt und deportiert wurden und im KZ Theresienstadt umgekommen sind:


Liebe Freundinnen und Freunde, Bekannte von Anni Wolff,

wir sind heute hier zusammen gekommen, um Ella und Richard Gattels zu gedenken:

Ella Gattel, geborene Pinthus kam am 23. Juli 1884 in Halle zur Welt. Leider wissen wir von ihr sehr wenig. Nur das, was Anni Wolff in ihrem Büchlein oder in persönlichen Gesprächen erzählt hat.

Anni schildert sie als eine „zarte, empfindsame Frau voller Charme“. Allerdings nicht zu empfindsam und zart, um einem Unternehmer-Haushalt vorzustehen, der sicherlich mit zahlreichen gesellschaftlichen Verpflichtungen verbunden war.

Anni beschreibt ihre Mutter auch als eine tolerante, weltoffene und moderne Frau, zumindest, was die Erziehung der beiden Töchter betraf. Einmal, so erzählte mir Anni, sei ihre Mutter von irgendjemand zur Rede gestellt worden, wie sie dazu käme, ihrer vierzehnjährigen Tochter einen eigenen Hausschlüssel zu geben. Ella Gattel antwortete: „Wenn ich meinen eigenen Töchtern nicht vertrauen kann, wem dann?“

Sicherlich fiel es Ella Gattel sehr schwer, zuerst Anni, später deren ältere Schwester Lotte nach Palästina auswandern zu lassen. Vielleicht hoffte sie auf ein baldiges Wiedersehen, sicherlich auf ein Ende der Nazi-Schreckensherrschaft, später auf ein Ende des Krieges, darauf, dass irgendwann die Familie wieder zusammen finden würde. Ganz bestimmte aber hoffte sie darauf, dass zumindest ihre Töchter überleben würden.

Sie und ihr Mann Richard wurden am 11. September 1942 mit dem 62. Alterstransport von Berlin nach Theresienstadt deportiert - so genau können wir das in den Archiven nachlesen). Ella Gattel war 58 Jahre.

Damals lebte das Ehepaar längst zusammengepfercht in einer so genannten Judenwohnung in der Regensburger Straße in Willmersdorf – in einem Durchgangszimmer mit Notküche. Vorher mussten sie akribisch ihre letzten Besitztümer inventarisieren. Die „Vermögenserklärungen“ von Ella „Sara“ Gattel und Richard „Israel“ Gattel datieren vom 8. September 1942. Darin sind aufgelistet:
· 2 Standbetten mit Zubehör
· 1 großer weißer Wäscheschrank
· 1 kleiner Eiskasten
· 1 Stehlampe
· 1 kleines Wäschespindchen
Dies war ihnen am Ende eines arbeitsreichen und wohlständigen Lebens geblieben und wurde dem „arischen Volksvermögen“ einverleibt, als Ella und Richard Gattel drei Tage später mit einem kleinen Koffer ihre letzte Reise antreten mussten.

Sie führte nach Theresienstadt, in eine kleine Garnisonsstadt 60 Kilometer nördlich von Prag. Dort hatte Kaiser Josef der II. bereits im 18. Jahrhundert eine solide Festungsanlage bauen und nach seiner Mutter Maria Theresia benennen lassen. Fast 150 Jahre später, als die Nationalsozialisten Böhmen und Mähren besetzten, fanden sie dort eine Anlage vor, die als Konzentrationslager perfekter nicht hätte gebaut werden können.

Theresienstadt war kein Vernichtungslager, aber dessen Vorhof. 50.000 und mehr Gefangene pferchte man in den kleinen Häusern und Kasernen zusammen. Massenunterkünfte mit dreistöckigen engen Bunkerbetten, auf denen die letzten Habseligkeiten der Bewohner und Bewohnerinnen aufbewahrt wurden, ein roh gezimmerter Tisch, Bänke, schmale Wandregale, Platz für einen Blechnapf und einen Blechlöffel. Für viele der einzige letzte Besitz.

Von 1941 bis 1945 wurden etwa 140.000 Menschen durch dieses Ghetto geschleust. 34.000 starben an Ort und Stelle. Die Menschen gingen an Auszehrung und Seuchen zugrunde, an physischem und psychischem Elend, an Demütigung, Fassungslosigkeit, Verzweiflung. Die Toten wurden verbrannt, ihre Asche in Pappkartons geschaufelt, in Massengräber oder in den nahen Fluss gekippt.

Trotz allem, was wir bis heute über die Shoa wissen, gelesen, gehört und gesehen haben, fällt es mir schwer, mir ein Bild zu machen davon, wie Ella und Richard Gattel im Ghetto von Theresienstadt ihre letzten Lebensmonate und -jahre verbracht haben – und wie sie gestorben sind. Scham- und Schuldgefühle lassen das kaum zu.

Lange Zeit fürchtete Anni Wolff, dass ihre Mutter weiter nach Osten in ein Vernichtungslager transportiert worden und verschollen sei. Erst Jahrzehnte später erfuhr sie, dass Ella Gattel am 15. März 1944 in Theresienstadt gestorben ist. An Schwäche und Auszehrung? Gewaltsam? Ein Selbstmord? Das ist nicht zu rekonstruieren. Es existiert eine Postkarte aus dieser Zeit, in der Ella Gattel an eine Bekannte in Berlin schreibt: „Die Großmutter muss ins Krankenhaus“. Anni Wolff hat sich folgende Interpretation zurechtgelegt: Womöglich habe die Mutter erfahren, dass sie weiter deportiert werden solle und habe ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt. Ein kleiner Trost, wo es eigentlich keinen Trost geben kann.

Richard Gattel wurde am 3. Juni 1870 in Berlin-Wilmersdorf geboren. Sein Vater, ein Fabrikant von Herrenmützen, ließ zwischen 1890 und 91 hier in der PA eine geräumige Hutfabrik bauen. Das Vorderhaus, vor dem wir stehen, bewohnte die Familie. Richard Gattel und sein fünf Jahre jüngerer Bruder Max übernahmen später das Geschäft.

Die Familie Gattel war eine alteingesessene Berliner Familie, aufgeklärt, weltlich orientiert und in der deutschen Kultur fest verwurzelt. Ihr Vater sei „waschechter Berliner“ gewesen, ein „Volksjude, der mit Religion wenig im Sinn gehabt habe“, erinnert sich Anni Wolff. Und an eine behütete, sorgenfreie Kindheit, an intakte Familienverhältnisse.

Anni Wolff muss ihren Vater sehr verehrt haben: ein wandelndes Lexikon, der fast alles wusste und erklären konnte. Ein Hobby-Historiker, der Sonntags mit seinen Töchtern durch Berlin streifte und ihnen aus der Vergangenheit seiner Heimatstadt erzählte. Ein Sportler, der draußen in Grünau im Ruderklub Poseidon (oder so ähnlich) ein Boot liegen hatte, in dem Anni später als Steuerfrau bei Regatten mitfahren durfte. Ein Patriot, Freiwilliger im ersten Weltkrieg, der sehr auf Ordnung und Disziplin hielt.

So erinnert Anni Wolff nur zu gut den „Boykotttag gegen jüdische Betriebe und Betriebsangehörige am 1. April 1933. Auf den Straßen seien Lastwagen vorgefahren, Männer in Uniformen hätten gebrüllt „Juden rauskommen“ und viele gleich mitgenommen. Anni Wolff war damals Redaktionssekretärin bei der Deutschen Buchgemeinschaft in der Alten Jakob-Straße. Von einem Tag auf den anderen seien die jüdischen Betriebsangehörigen von ihren „christlichen“ KollegInnen geschnitten und aus der Gemeinschaft ausgestoßen worden, Keiner habe mehr mit ihnen geredet, sie hätten keine Arbeit mehr bekommen. Niemand hätte ihnen gegenüber auch nur heimlich Mitgefühl oder Beschämung gezeigt. Ein paar Wochen hielten Anni Wolff und ihre LeidensgefährtInnen noch Stand. Dann baten sie um ihre Entlassung. In den Papieren heißt es: wegen Gleichschaltung des Betriebes. So konnte Anni Wolff später von Israel aus zumindest Rentenansprüche gegenüber der Bundesrepublik Deutschland geltend machen

Warum erzähle ich das? Weil sich Anni bis heute daran erinnert, dass ihr Vater auch nach dem Boykotttag eisern darauf bestanden habe, dass sie jeden Tag pünktlich im Verlag erschien und ihre Arbeit anbot. „Er konnte einfach nicht begreifen, dass es mit dem Rechtsstaat vorbei war und hat lange geglaubt, dass die Deutschen sich erheben und Hitler verschwinden wird,“ hat Anni mir einmal erzählt.

Richard Gattel hat seine Treue und seinen Glauben mit dem Tod bezahlt. Am 29. Januar 1943 ist er, 73-jährig, in Theresienstadt zu Tode gekommen.

Wir wünschen uns, schon aus Gründen des Selbstschutzes, dass er dort in den wenigen Monaten nicht nur Leid und Verzweiflung erlebt hat, sondern auch etwas von der Kraft, der Kultur, dem Geist jener heterogenen jüdischen Notgemeinschaft, von denen die Dokumente und die Überlebenden von Theresienstadt immer wieder Zeugnis ablegen.

Ella und Richard Gattel haben kein Grab, auf dem ihr Name steht. Sie haben überhaupt keines. Auch deswegen sind diese Stolpersteine wichtig. Denn jenseits der Archive sind sie der einzige öffentliche Hinweis, dass jene beiden Menschen existiert, dass sie hier an diesem Ort mit allen Höhen und Tiefen gelebt und gewirkt haben. Sie helfen, uns an sie zu erinnern. Das wollen wir tun, schon aus Respekt gegenüber Anni Wolff und ihrer Familie.